Mikrofiktion

Traummann?

›Um sieben in Rocko’s Bar!‹ Nachricht mit Küsschensmiley.

Und jetzt? Kein Anruf, kein Lebenszeichen, kein gar nichts.
War das sein Ernst? Nach Hunderten, ach was, Tausenden Nachrichten und Millionen virtuellen Küssen?
Wie kann dieser Scheißkerl es wagen?

Nach dem ersten Glas Wein dachte sie noch, was solls, er verspätet sich. Nach dem zweiten Glas wich die Vorfreude der Verärgerung. Das dritte Glas verwandelte ihre Stimmung in Wut. Wut auf sich selbst und ihre Dummheit. Jetzt nach dem Vierten knurrte ihr Gemüt mit ihrem Magen um die Wette.
Wieso frustrieren lassen, der kommt ja doch nicht!

Sie verließ die Bar und ging die Straße entlang zur Haltestelle.
Nie wieder Blind Dates!

»Marie warte!«, ertönte eine Stimme. Vertraut, tief, männlich. Der Klang einer einzelnen Sprachnachricht, der sie Dutzende Male gelauscht hatte.
»Michael?«
Ein Mann blieb unmittelbar vor ihr stehen. Hochgewachsen, chic, ein Traummann.
»Es tut mir schrecklich leid. Stress auf der Arbeit und mein Handy ist mir runtergefallen.«
Blöde Ausrede dachte Marie, doch stutzte, als sie das kaputte Handy sah.
»Kann passieren«, flüsterte sie verzeihend.
»Lass es mich wieder gutmachen. Mein Wagen steht um die Ecke. Darf ich dich zum Essen einladen?«
Marie nickte. Er durfte, und wie er durfte.

Sie gingen zu seinem Auto. Ein Mercedes, silbern, neustes Modell.
Ein Volltreffer, dachte Marie und trat an die Beifahrerseite. In dem Moment, als sie glaubte, er wolle ihr die Tür öffnen, sah sie die Spritze, spürte den Stich, spürte das Brennen im Fleisch.
»Ab jetzt gehörst du mir!«
Dann wurde es dunkel.

 

© Februar/2019 Sophie Brandt

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