Mikrofiktion

Der unbekannte Soldat

Sie erschrak, als der Unbekannte sich ihr in den Weg stellte. Er war einer von jenen, einer der Soldaten, einer der Männer vor denen ihr Vater sie gewarnt hatte.

»Kann ich Ihnen helfen mein Herr?«
»Gewiss doch«, flüsterte er und kam ihr dabei so nah, dass sie seinen Atem an ihrem Halse spürte. Die Nacht war kalt. Die Feuchtigkeit, die von den Mauern der schmalen Gasse zurückgeworfen wurde, kroch unter ihr Kleid.
»Verzeihen Sie mir mein rüpelhaftes Auftreten. Ich wollte Sie keineswegs erschrecken!«
»Angenommen.« Allen Warnungen zum Trotz legte sie ihre Hand in die seine, die er ihr zur Entschuldigung entgegenstreckte. Unversehens hauchte er ihr einen zarten Kuss auf den Handrücken.

»Dürfte ich ihren Namen erfahren junge Frau?«
»Mathilda!«
»Ma – thil – da!«, flüsterte er kaum merklich. »Ein Name wie ein Glockenschlag, der vom Verschluss des Mundes getragen über einen Tipp der Zungenspitze in sanft geöffneten Lippen seinen Abschluss findet!«
Mathilda stutzte. Sie genoss den gleichwohl fröstelnden als auch erregenden Schauer, der ihren Rücken hinab wanderte. Niemals zuvor hatte jemand ihren bäuerlichen Namen in pure Poesie verwandelt.

Er trat einen Schritt auf sie zu. Sie roch den Duft, der seinen Körper umgab. Ein Duft nach Holz, ein Duft nach Erde, ein Duft, metallisch wie rostiges Eisen.
Er drückte sie gegen die Mauer, hielt sie fest, setzte zum Kuss an.
Ein Kuss ist kein Kuss, dachte sie und spitzte die Lippen.
Der Unbekannte fasste sie am Hals, drehte ihren Kopf zur Seite und biss zu.

 

© Februar/2019 Sophie Brandt

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