Mikrofiktion

Mutters Glück

Meine Mutter sitzt mir gegenüber. Sie ignoriert meinen Blick und knibbelt nervös an ihren Fingernägeln. Das Blumenmuster auf ihrem Kleid verschmilzt mit den neuen Sofakissen und wirkt, als wäre alles aus ein und demselben Stoff gemacht.

Ihr Verlobter hat aufgehört zu reden. Minutenlang hat er sie bekniet und dabei wild gestikulierend Bilder in die Luft gezeichnet. Jetzt liegen seine Hände auf seinem Schoß. Sein Blick verrät mehr als tausend Worte. Durchdringend fixiert er meine Augen, als wolle er meine Gedanken lesen oder noch schlimmer, sie manipulieren.

Meiner Mutter läuft eine Träne über die Wange. Ich habe sie selten so glücklich erlebt. In den letzten Monaten hat sie mehr gelacht als in den zehn Jahren zuvor. Mit dem Tod meines Vaters war ebenfalls ein Teil von ihr gestorben.
Ihr Verlobter streicht ihr sanft mit dem Finger über die Wange. Sie schiebt seine Hand zur Seite und wirft ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.

Die Frage, die im Raum steht, wage ich nicht zu beantworten. Ich schäme mich dafür, das Thema angeschnitten zu haben. Aber was hätte ich tun sollen? Weiterhin schweigen?

Er ergreift Partei für mich. »Das Kind hat eine blühende Fantasie«, sagt er. »Es ist normal, dass Dreizehnjährige sich solche Geschichten ausdenken, des Wunsches nach Aufmerksamkeit wegen.«
Er zwinkert mir zu. Sein Blick macht mir klar, dass ich meiner Mutter das Leben zerstören würde, wenn ich jetzt die Wahrheit sage.

»Er hat recht Mama«, beteuere ich und zerbreche damit mein kindliches Gemüt in Stücke. »Ich habe mir alles nur ausgedacht.«
 
© Dezember/2018 Sophie Brandt

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