Mikrofiktion

2387 fucking Likes

13.05.2018
Ich sehne mich nach Komplimenten. Sie sind der Lohn für meine Mühen. Gut auszusehen gehört zu mir, wie die Luft zum Atmen. Ich wünschte, meine Follower könnten spüren, wie mein Herz bei jedem Upload rast.
»Deine Figur ist mega!«, »Wow Babe … sexy!« oder »Damn nice!«, sind nur einige der Kommentare in meiner Instagram Timeline. Mein letztes Selfie hatte 2387 fucking Likes.
Doch es ist harte Arbeit. Ich kann weder essen, was ich will, noch bin ich mit einem schnellen Stoffwechsel gesegnet. Ich gehe sechs mal die Woche ins Fitnessstudio und halte mich konsequent an meine Diät.
Wer was erreichen will, muss auch was dafür tun.
 
19.11.2018
Ich lege den Zettel beiseite.
»Was ist anders seit damals?«, fragt meine Therapeutin, der ich die Worte laut vorgelesen habe.
»Ich weiß nicht«, antworte ich. »Ich esse weniger und ….«
»Und …?«, hakt sie mit einer kreisenden Handbewegung nach.
»Und dafür kotze ich mir nicht drei mal am Tag die Seele aus dem Leib, brauche keine Magenmedikamente mehr und die Zahnschmerzen sind seit der Behandlung fast verschwunden.«
Sie macht eine Pause und mustert mich. »Du bist noch immer sehr schlank. Wie viel hast du zugenommen seit Beginn der Therapie?«
»Dreiundzwanzig Kilo«, antworte ich und kann es selbst kaum glauben.
»Du bist auf dem richtigen Weg«, bestätigt sie mich und lächelt.
Ich lächel zurück und schaue beim Hinausgehen in den Wandspiegel neben der Tür.

Ich fühle mich fett und hässlich, aber wer ist schon mit sich zufrieden?
 

©Dezember/Sophie Brandt

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