Mikrofiktion

Der Berg

Der Himmel glühte wie flüssige Lava. Ein kühler Luftzug rauschte über den Gipfel und schwappte wellenartig den Hang hinab. Der Weg nach oben glich einem endlosen Unterfangen. Nie zuvor hatten sie die erbarmungslose Härte des Berges gespürt wie an jenem Abend.

Die Anstrengungen der vergangenen Tage brannten ihnen in den Knochen. Die Hände krampften, suchten nach Halt und tasteten sich Zentimeter um Zentimeter vorwärts. Ihre Mägen rebellierten. Gegessen hatten sie den ganzen Tag noch nichts Festes. Der Tee, den sie am Morgen in der Hütte am Hang getrunken hatten, war längst vergessen.

Ihre Körper übersäuerten, zehrten aus und verglühten die letzten Reserven in einem Feuer aus Blut, Schweiß und Tränen. Der Kleinere von ihnen hatte sich eine Scherbe eingetreten, dessen Wunde jeden seiner Schritte in eine Qual verwandelte.

»Eines Tages«, so sagten sie sich, als sie den Gipfel erreicht hatten, und eifrig die Bilder der Profibergsteiger in der gefundenen Zeitschrift bestaunten. »Eines Tages werden wir zu den ganz Großen gehören und Seil an Seil die Gipfel dieser Erde bezwingen.

Aber bis dahin war es noch ein weiter Weg. Viele Male würden die Zeiger der Uhr, ihre Kreise ziehen. Viele Male würden sie die Hänge des Müllberges nach Kupferdraht und Metallresten durchforsten und viele Male würden sie wie die anderen Kinder in der Nacht billigen Klebstoff schnüffeln, um im Rausch dem Elend zu entkommen, dem sie tagtäglich auf der Müllkippe von Manila ausgesetzt waren.

 

© November/2018 Sophie Brandt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Alle Texte sind Eigentum von SophieBrandt.de. Kopieren oder Verbreiten verboten!!!