Mikrofiktion

Unser kleines Geheimnis

Es war Freitag.

Die Zeiger der Uhr standen auf vier. Nur noch ein paar Stunden, bis Mama und Papa ausgehen würden.

Amélie saß auf ihrem Bett und zog sich die Bettdecke über den Kopf. In ihren Armen, Mr. Pringels, der Teddybär, dem ein Auge fehlte. Sie dachte an Lisa, das tollste Kindermädchen der Welt. Immer wenn Mama und Papa ausgingen, passte sie auf Amélie auf. Manchmal bastelten sie, manchmal spielten sie und manchmal durfte sie sogar eine Stunde länger aufbleiben.

»Das muss aber unser kleines Geheimnis bleiben«, hatte Lisa ihr ins Ohr geflüstert. »Sonst schimpft die Mama mit mir!«

Amélie hüpfte vom Bett und schlich in das Zimmer ihrer Eltern. Sie durchsuchte die Kommode, durchsuchte den Nachtschrank und kletterte auf den Tisch, um in die Schachtel zu sehen, in der ihre Mutter den Schmuck aufbewahrte. Ohne Erfolg. Sie konnte den Schlüssel nicht finden.
»Mit neun Jahren ist es zu gefährlich, sich in seinem Zimmer einzuschließen!«, hatte ihre Mutter sie ermahnt und ihr den Schlüssel weggenommen.

Dabei war heute ein Tag, an dem sie ihn wirklich brauchte, denn Lisa hatte heute keine Zeit. Heute würde ihr Onkel auf sie aufpassen. Der Onkel, der auch mit ihr spielte. Ein Spiel, für das Amélie sich schämte und von dem sie niemandem erzählen konnte.

»Das muss aber unser kleines Geheimnis bleiben!«, hatte der Onkel ihr ins Ohr geflüstert. »Sonst schimpft die Mama mit dir!«

 

© November/2018 Sophie Brandt

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