Autorentipps

Schnitzeljagden und Schatzsuchen

Ein Gastbeitrag von Karin Lassen

Schnitzeljagden und Schatzsuchen

Als Kind bedauerte ich es sehr im Winter geboren zu sein. Denn dies bedeutete, dass mein Geburtstagsfest drinnen stattfinden musste. Meine Freundinnen hingegen feierten im Sommer draußen. Das war ein Spaß! Wir tobten uns u.a. bei Schatzsuchen und Schnitzeljagden aus. Hierfür hatte sich ein Erwachsener (oder großer Bruder) vor dem Eintreffen der Geburtstagsgäste auf den Weg gemacht und diesen mit geheimnisvollen Symbolen markiert. Folgten wir ihnen, warteten unterwegs kleine Überraschungen, die Hinweise auf die weitere Wegstrecke enthielten. Nach aufregender Jagd auf die ausgelegten Köder erreichten wir das Ziel, wo Kuchen und Getränke warteten. Egal, wie weit der Weg auch war, Langeweile kam dabei nie auf. Jeder war gespannt auf das nächste Schnitzelchen, konzentrierte sich fieberhaft auf den folgenden Streckenabschnitt, der uns dem leckeren Geburtstagskuchen ein Stück näher brachte.

Die Erwachsenen hatten sich bei Ausarbeitung der Strecke und (kindgerechter) Gestaltung der Hinweise große Mühe gegeben. Sie markierten mit bunten Kreidepfeilen die Route, stapelten Stöckchen zu geheimnisvollen Symbolen und bedienten sich markanter Steine als Wegweiser. Darunter platzierten sie Zettel mit Anweisungen für den nächsten Schritt. Um alle Geburtstagsgäste bei der Stange zu halten, sorgten sie an manchen Stellen für kleine Belohnungen in Form von Minispielzeug oder Bonbons. Alles wohlüberlegt und gut durchdacht. Niemand sollte auf der Strecke bleiben, aufgeben, sich langweilen. Die Kindermeute musste gut unterhalten und sicher ins Ziel gebracht werden, wo sie ein furioses Finale in Form der ersehnten Kuchenschlacht erwartete.

Die Goldmünzenstrategie

Ganz ähnlich, wie bei der gelungenen Schnitzeljagd, lässt sich auch in Ihrem Roman Spannung erzeugen. Mit einem ausgeklügelten Plot versehen Sie Ihre Geschichte mit Struktur und einem roten Faden. In teils atemberaubenden, teils entschleunigten Schritten leiten Sie Ihre Leser durch Irrungen und Wirrungen und steuern auf den Höhepunkt zu, der sich möglicherweise gleich einem Feuerwerk dramatisch entlädt. Damit Ihr Leser unterwegs nicht das Interesse verliert sondern Ihnen stets erwartungsvoll folgt und sich nach jedem Kapitel gespannt fragt, wie sich die Geschichte weiter entwickelt, können Sie sich unterschiedlicher Techniken bedienen. Eine davon, die Goldmünzenstrategie, beschreibt Roy Peter Clark in Die 50 Werkzeuge für gutes Schreiben: Handbuch für Autoren, Journalisten, Texter.

Die Mitte eines Romans stellt häufig seinen Schwachpunkt dar. Möglicherweise hat man den Leser am Anfang mit einem Köder in die Geschichte hineingezogen und ihn mit verschiedenen Charakteren und deren Motiven vertraut gemacht. Und sicher will er nun auch wissen, welche Überraschungen das Schicksal für die einzelnen Figuren am Ende bereithält. Aber der Weg dahin kann lang werden. Der Trick: mit „Goldmünzen“, die man vor allem im Mittelteil der Geschichte geschickt auslegt, verleiht man ihm ein überraschendes Funkeln, das den Leser dazu bewegt, weiter zu gehen und nicht einfach stehen zu bleiben.

Als Goldmünzen, also winzige Höhepunkte, eingestreut genau dann, wenn die Aufmerksamkeit des Lesers unbedingt noch gehalten werden muss, eignen sich unerwartete, kleine Szenen und Begegnungen, verblüffende Begebenheiten, bedeutungsschwangere Aussagen oder kleine Anekdoten. Clark hat hierfür einige packende Beispiele parat, die von Beiträgen im Wall Street Journal über Shakespeare und Mark Twain hin zu einer technischen Beschreibung über einen Flugzeugtyp reichen. Unterschiedlicher können die genannten Genres kaum sein – doch in allen sind in der Mitte funkelnde Goldmünzen ausgelegt. Genau an den Stellen, an denen das Interesse des Lesers schwinden könnte.
Ein kleiner Workshop am Ende des Kapitels ermuntert dazu, sich mit dieser Goldmünzenstrategie etwas intensiver zu beschäftigen, in anderen Büchern (oder Filmen) auf Goldmünzen zu achten und sie in den eigenen Texten zu verstecken.

Werkzeugkasten für schreibbegeisterte Schatzsucher

Die Goldmünzenstrategie ist Teil eines Werkzeugkastens. Denn nicht nur Talent sorgt für tolle Geschichten sondern auch Methoden und Techniken. Ein Blick in Schreibratgeber lohnt sich daher immer. Man muss sie nicht von A bis Z befolgen. Aber wenn Sie sich darin auf Schatzsuche begeben, werden Sie mit kleinen und großen Kostbarkeiten überrascht, die sie Ihre nächste Geschichte noch spannender und ausgefeilter schreiben lassen werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Alle Texte sind Eigentum von SophieBrandt.de. Kopieren oder Verbreiten verboten!!!