Kurzgeschichten

Zimmer 23

Triefend wie das Fleisch, dessen Saft aus meinem Burger tropfte, saß ich an der Bar und träumte von Urlaub. Das Klingeln des Handy’s ignorierte ich, so gut ich konnte. Nach Schichtende noch einen Job anzunehmen, gehörte nicht zu meinen Prioritäten. Die süße Blondine vom Tisch an der Ecke mit meinen Handschellen ans Bett ketten und ordentlich durchvögeln schon eher. Sinnlos darüber nachzudenken. Ich würde schnarchend zusammenklappen, bevor sie mir ihre perfekt Brüste präsentiert hätte.
Mein Handy gab keine Ruhe. Ich wischte mit dem letzten Bissen meinen Teller sauber und half mit dem Bier nach, ihn am Stück zu schlucken. Elf Dollar für einen Burger, aber er war jeden Cent wert. In der ganzen Stadt bekam man keinen Besseren. Schon gar nicht um Mitternacht. Triple B, so stand er auf der Speisekarte. Übersetzt bedeutete es Big Barbecue Burger, konnte aber genauso gut als Hinweis auf den dreifachen Bypass gedeutet werden, den man bei regelmäßigem Verzehr unausweichlich herausforderte.
›Das Verbrechen schläft nie‹, hätte mein Ex-Frau mir vorgeworfen, wenn sie gesehen hätte, wie ich mein Handy aus der Gesäßtasche zerrte. In dieser Stadt wird jeder von uns irgendwann zum Klischee eines überarbeiteten Bullen mit zerrütteten Familienverhältnissen. Nach einem kurzen Telefonat, klemmte ich einen Zwanziger unter mein Bierglas, warf dem Traum meiner schlaflosen Nächte einen letzten Blick zu und stand fünfzehn Minuten später, vor einem heruntergekommenen Motel. Ohne Blondine, dafür mit Überstunden.

Die Betreiber dieser Absteigen riefen uns selten. Wenn hier jemand krepierte, verschwand er meist schneller, als er dort aufgetaucht war. Sofern doch jemand die Cops rief, handelte es sich in der Regel um weniger appetitliche Dinge.
Finch wartete im Eingangsbereich auf die Kollegen der Spurensicherung. Ich konnte ihm aus zwanzig Metern Entfernung ansehen, dass er Besseres zu tun hatte, als aus seinem wohlverdienten Feierabend gerissen zu werden. Komisch, irgendwoher kannte ich dieses Gefühl.
Über dem Eingang leuchtete ein Schild mit der Aufschrift ›Luxury Sweet‹. Wie passend für eine Absteige zwischen Crackhäusern und Straßenstrich. Aber nicht ungewöhnlich. Nur eines von Vielen, die ihre beste Zeit längst hinter sich hatten. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie es wäre, hier zu stranden, ohne die Chance auf ein besseres Leben. Kein gutes Gefühl.
»Wenn du kein Problem mit abartiger Scheiße hast, geh ruhig schon mal hoch«, lachte er und gab mir auf seine kranke Art zu verstehen, dass es wenig gab, was ihn aus der Fassung brachte. Ich war bestimmt kein Weichei, aber er gehörte zu der Sorte abgebrühter Scheißkerl, der sein Sandwich auch neben einer frisch obduzierten Wasserleiche genießen konnten.

Die Atmosphäre im Inneren glich einem Kannibalenkochtopf. Der vom Zigarettenqualm vergilbte Ventilator, bewegte den Mief keinen Millimeter. Der ranzige Fußboden, auf den ich mich selbst mit Schutzanzug nicht gesetzt hätte, spiegelte den Zustand des gesamten Hauses wieder.
Hinter dem Tresen saß ein Mann mit einer Zeitschrift. Er trug eine schwarze Basecap und ein Shirt mit Loch am Kragen. »Zweiter Stock«, murmelte er, nach einem hastigen Blick auf meine Marke und deutete in Richtung der Treppe.
Stufe um Stufe kämpften mich meine müden Beine nach oben. Auf halbem Wege drängte ein Polizist an mir vorbei. Wortlos stieß er mich mit dem Ellenbogen zur Seite, riss das Fenster auf und übergab sich in vollen Zügen in den Hinterhof. Dämlicher Straßenbulle, zu nichts zu gebrauchen!
Oben angekommen drückte ich meinen Fuß gegen die Glastür. Freiwillig angefasst hätte ich sie nie. Bei den Gestalten, die hier für gewöhnlich ein und aus gingen, vermutlich auch besser. Der Flur war leer. Es war eigenartig still. Ungewöhnlich für einen frischen Tatort. Im Normalfall wimmelt es dort von jungen Hitzköpfen mit dem Drang, sich zu profilieren. Das Zimmer lag am Ende des Flures. Nummer 23. Meine Glückszahl. Die Tür stand offen.
»Gehen sie da lieber nicht rein«, stammelte eine Polizistin und drängte an mir vorbei. Sie taumelte, prallte mit ihrer Schulter gegen die Wand und sackte nur wenige Meter hinter mir auf die Knie. Besteht die ganze Welt denn nur noch aus Weicheiern?

Das Licht war defekt. Schemenhaft flackerte der Raum im Schein der Neonreklame. Ich nahm meine Taschenlampe und setzte einen Schritt durch die Tür. Eine süßlich penetrante Wolke stieg mir in die Nase, wanderte durch meinen Rachen und verschmolz mit meiner Zunge. Dem Geruch nach zu urteilen war alles, was sich in diesem Raum befand, seit mindestens einer Woche tot. Vielleicht sogar Länger. Ganz sicher war ich mir nicht. Bei derartigen Temperaturen setzt die Verwesung viel früher ein als sonst. Unweigerlich musste ich an den Waschbären denken, der letzten Sommer in unserem Garten verendet war und den wir erst Tage später fanden.
Meine Augen folgten dem Lichtkegel. Mein Blick fiel auf das Bett. Für den Bruchteil einer Sekunde wurde mir schwarz vor Augen. Meine Knie zitterten wie eine geleeartige Masse. Bis heute war ich der festen Ansicht, ich hätte alles gesehen. Wie man sich täuschen kann.
Ich wandte mich ab und schwankte in Richtung des Waschbeckens. Keine Sekunde zu früh. Der halb verdaute Burger von Joe’s landete im Ausguss. Meine unachtsam auf dem Rand abgelegte Taschenlampe ebenfalls. Sie versank in einer rostbraunen Brühe aus abgestandenem Wasser und Erbrochenem. Ich fuhr mir mit dem Handrücken über den Mund und betrachtete mein Spiegelbild. Mit mäßigem Erfolg. Das wenige Licht und die schmierige Schicht, die darauf klebte, verwandelten mein Abbild in ein abstraktes Gemälde.

Mit einem Tuch vor dem Gesicht näherte ich mich dem Bett. Auf einem wasserdichten Latexbettlaken, wie es für nicht alltägliche Sexpraktiken benutzt wird, saß ein Mädchen, rücklings an die Wand gelehnt. Blutjung, sicher nicht älter als vierzehn. Vom Bauchnabel abwärts bedeckt mit einer billigen Plastikplane. Ihre Haut glänzte im Schein meines Sturmfeuerzeuges. Wachsartig, wie von einer hauchzarten Schicht Vaseline überzogen. Bei meinem Trip nach London hatte ich Wachsfiguren gesehen, die weitaus lebendiger aussahen.
Ihre Handgelenke waren mit schweren Metallschellen an der Rückwand verankert. Ihre Arme so weit um die eigenen Achsen verdreht, dass es den Eindruck erweckte, sie wären an den Schultern vertauscht worden. Ein Lederriemen fixierte ihren Kopf. Von einer über ihr hängenden Plastikflasche mit der Aufschrift ›Sondennahrung Himbeergeschmack‹, führte ein dünner Schlauch in ihre Nase. Ihr Mund war zugenäht, ihre oberen und unteren Augenlider fein säuberlich abgetrennt. Vermutlich hatte sie jemand künstlich am Leben erhalten, um sie jede Kleinigkeit seines sadistischen Spiels mit ansehen zu lassen.

Gegenüber des Bettes befand sich eine Kochnische, eingelassen in die Wand. Neben dreckigen Tellern und einer fettverkrusteten Pfanne, lag eine penibel gesäuberte Edelstahlschale. Darin eine Art historisches Operationsbesteck. Eine Knochensäge mit Holzgriff, mehrere Skalpelle, ein halbes Dutzend Zangen und Arterienklemmen, sowie dicke Nadeln und Schnur.
Ich griff mir eine der Zangen und zog die Plane zur Seite. Ihr rechtes Bein fehlte vollständig, das Linke bis oberhalb des Knies. Die Stümpfe waren fachmännisch vernäht. Wer auch immer ihr das angetan hatte, wusste, was er tat.
Ich deckte sie wieder zu und streifte dabei ihre Schulter. Täuschte ich mich, oder fühlte sie sich warm an? Ich legte meinen Zeigefinger an ihren Hals. Im selben Moment zuckte ihr Körper zusammen. Krampfartig, als hätte sie ein Stromschlag getroffen. Ich erschrak. Ihre Brust hob sich. Ein gequälter Atemzug strömte in ihre Lungen. Ihre lidlosen Augen starrten mich an.

Ich hasse meinen Job!

© Oktober/2018 Sophie Brandt

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