Mikrofiktion

Das siebte Mal

Es war das siebte Mal.

Betäubt mit Tabletten, dessen Namen sie nicht aussprechen konnte, starrte sie auf das flackernde Lämpchen der Kamera. Je öfter sie hier war, desto mehr gewann der Raum an Vertrautheit. Der am Boden verschraubte Hocker, ein alter Bekannter. Der Tisch, ein lieb gewonnener Freund. Das Rot des Lämpchens, der einzige Farbtupfer in ihrer schwarz-weißen Welt.

Ihr linker Arm trug einen Verband. Die Scherbe hatte ihre Haut aufplatzen lassen und sich bis zu ihren Muskeln durchgearbeitet. Ohne Druck, ohne Widerstand. Für den Bruchteil einer Sekunde war alles gelb, dann rot. Fettzellen, von triefendem Blut überschwemmt.

Ihre Eltern verstanden sie nicht. Niemand verstand sie. Keine Möglichkeit, ihnen begreiflich zu machen, welcher Schmerz ihre Seele umgab. Mit jedem Versuch wurden die Wunden tiefer, die Verletzungen schmerzhafter, in der einzigen Hoffnung, jemand würde sie wahrnehmen.

Vor ihr auf dem Tisch lagen ein Blatt Papier und ein blauer Wachsmalstift. Aufschreiben sollte sie ihre Empfindungen, als Teil ihrer Therapie. Einen Bleistift traute man ihr nicht zu. Zu groß war die Sorge, sie könne ihn gegen sich richten.

Das Papier verspottete sie. Seine scharfen Kanten bettelten um Aufmerksamkeit. Erinnerungen kehrten zurück. Kleine Schnitte, verursacht durch einen unachtsam geöffneten Briefumschlag.

Der Druck wurde stärker, zerriss sie innerlich auf der Suche nach einem nicht vorhandenen Ventil. Doch heute war alles anders. Heute würde sie allen beweisen, welch unauslöschlicher Schmerz in ihr wohnte.

Behutsam fasste sie das Papier an den Enden, hielt es auf Spannung, drückte die Kante gegen ihren rechten Augapfel und zog.

 

© Oktober/2018 Sophie Brandt

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