Sophies Welt

Mai

Samstagmorgen, halb sechs in Deutschland!

Pünktlich wie eine katzenfutterbetriebene Atomuhr klettere ich aus meinem Bett und bin erstaunt, dass Frauchen noch schläft. Eine Unverschämtheit! Mein Magen knurrt wie ein dreiköpfiger Tiger. Ich springe auf die Bettdecke, schlage mich zum Kopfende durch und setze mich auf ihr Kissen. Die Methode, ihr so lange an den Haaren herumzukauen, bis sie genervt aufsteht, habe ich in eineinhalb Jahrzehnten perfektioniert. Nachdem ich sie hochgescheucht habe, folge ich ihr ungeduldig in die Küche. Obwohl ich mit Nachdruck darauf hinweise, dass ich in exakt zweieinhalb Minuten den Hungertod sterben werde, macht sie keine Anstalten, sich zu beeilen. Heute scheint sie extra langsam für mich zu arbeiten.

Endlich, das Rascheln der Tüte. Wurde aber auch Zeit. Wieder oben angekommen, schnüffel ich aus sicherer Entfernung in Richtung des Napfes, schaue zu ihr hoch und frage: »Ist das dein Ernst verdammt? Dasselbe Mistfutter gab es doch schon vor drei Tagen! Wo bleibt meine Abwechslung?«
Keine Reaktion. Frauchen legt sich wieder hin.
Vorerst leide ich still und verschmähe das Futter. Nach mehrmaligen Auf- und Ablaufen, führe ich es mir letztendlich doch zu Gemüte. »Bäh!«

Das Fressen war überaus anstrengend. Ich nutze meinen Lieblingsplatz aus drei Kissen und Decken, die mein Frauchen zu einem Haufen auf dem Sofa drapiert hat, um mich auszuruhen. Allerdings muss ich dazusagen, dass ich kaum eine Wahl habe. Bis auf meinen Schlafplatz, den Turm auf dem Sofa, das Bett meines Frauchens, den gepolsterten Bürostuhl, meinen eigenen gepolsterten Bürostuhl, meinen Kratzbaum, der gepolsterten Schublade im Schrank und einem Hocker mit einer Decke als Unterlage, habe ich weißgott keine Auswahl.

Mittags wache ich auf und verspüre erneut ein leichtes Hungergefühl. Ich entschließe mich, Frauchen zu nerven um im Anschluss etwas Trockenfutter zu fressen. Nur, um den Schein zu wahren sie hätte nicht vollends versagt.

Nachmittags ist die Zeit für einen Spaziergang. Ich glaube, ich bin die einzige Katze im Umkreis von tausend Kilometern, die nur mit Leine das Haus verlassen darf, aber da ich den Großteil meines Lebens in der Stadtwohnung verbracht habe, ist es sicherer. »Doofe Bundesstraße!«
Nach diesem ausgiebigen Spaziergang ist Zeit für mein Abendessen. Achnee, sorry, vorher muss ich mich noch schnell auf das Bett, nein, besser den Teppich übergeben, da ich im Garten Gras gefressen habe. Süß, wie schnell Frauchen rennen kann, um Küchentücher und Reiniger zu besorgen.

Dann gibt es endlich Essen. Wurde auch Zeit, denn ich habe den ganzen Tag noch nichts gehabt. Ich brülle und kreische, doch niemand nimmt mich wahr. »Wieso achtet niemand auf meine Bedürfnisse? Ich will was leckeres und nicht so ein komisches ichmagdasnichtessendasschmecktdoof Futter!«
Frauchen schließt die Tür und hofft, ich fresse dann besser anstatt herumzuplärren. Mist, so kriegt sie mich. Napf ist fast leer. Gut, nicht ganz, aber zumindest habe ich die Soße geschleckt. Rest für später. Frauchen muss dann noch Arbeiten oder Fernsehen. Manchmal lege ich mich zu ihr um mich von ihr kraulen zu lassen. Das tut mir gut und gibt ihr ein gutes Gefühl.

Nach Mitternacht gehen wir ins Bett. Ich bekomme noch ein kleines Tütchen Futter für die Nacht, damit ich bis um halb sechs durchhalte. Sobald das Licht ausgeht, lege ich mich auf Frauchens Brust und lasse mich durchkraulen, fresse danach noch eine Kleinigkeit, mache kurz Pipi und leg mich zur Ruhe.

Mal sehen was morgen alles passiert!

 

© Oktober/2018 Sophie Brandt

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