Autorentipps

Zum Tun gehört Talent,…

Ein Gastbeitrag von Karin Lassen

Zum Tun gehört Talent,…

… zum Wohltun Vermögen. Meinte Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), dessen Werke auch noch nach 200 Jahren die Bücherregale zieren und die Theater füllen. So falsch kann er nicht gelegen haben, überdauerte doch seine Dichtkunst die unterschiedlichsten Epochen und den wechselnden Geschmack der Zeit. Ob Herr von Goethe sich durch gängige Schreibratgeber inspirieren ließ, ist natürlich eher unwahrscheinlich, doch studierte er eingehend die Trivialliteratur seiner Zeit. Er untersuchte Shakespeare und war ein Kenner des Dramas und seiner beiden Grundformen, der Tragödie und der Komödie, beschrieben bereits um 335 v. Chr. von Aristoteles. Ebenso wie Gotthold Ephraim Lessing (1729 – 1781), der sich intensiv mit der Dramentheorie beschäftigt und beispielsweise die Kunst, Empfindsamkeit beim Leser zu erzeugen, meisterlich herausgearbeitet hatte, was Generationen nachfolgender Literaten grundlegend beeinflusste. Alles nur Talent?

Der Käsekuchen

Liebhaber des Käsekuchens können ein Lied davon singen. Man schenkte ihm viel Zeit, Mühe und Liebe, doch kaum aus dem Ofen auf die Arbeitsplatte befördert, da zeigt er Risse oder fällt traurig zusammen. Tja, zum perfekten Gelingen gehören neben guten Zutaten auch deren exakte Dosierung, die korrekte Backzeit und der eine oder andere Kniff, wie die Beachtung der Temperatur einzelner Ingredienzien und des Ofens, Reihenfolge und Dauer der Zubereitungsschritte und – ganz wichtig – die Wartezeit bis zum Öffnen der Ofentür. Keinesfalls darf dies zu früh geschehen!

Niemand käme auf die Idee zu behaupten, Kuchenbacken sei reine Talentsache. Um in den Genuss seines bevorzugten Backwerks zu kommen, bemüht man in der Regel ein (gelingsicheres) Rezept oder lässt sich von der backversierten Mutter in die Geheimnisse der (Käse-)Kuchenbäckerei einweihen. Die Technik alleine macht es allerdings auch nicht. Ein glückliches Händchen (Talent) braucht es dann doch, um sich und andere ins Kuchenglück zu befördern.

So spielt die Musik!

Ein anderes Beispiel: auch wenn sich in unserer digitalen Zeit manch aufstrebender Pop-Komponist zwecks Ideenumsetzung computergesteuerter Helferlein bedient und der mäßig begabte Sänger dank tontechnischer Nachbearbeitung fehlendes Stimmvolumen mit Studiowohlklang ausgleicht – kein ernsthafter Künstler, der nicht nur vom kurzlebigen Sommerhit träumt, kann sich ausschließlich auf derlei Hilfsmittel verlassen. Im Schweiße seines Angesichts wird er sich beispielsweise mit Harmonielehre, Gehörbildung und Instrumentaltechnik auseinandersetzen. Und üben, üben, üben. Musik ist zu einem großen Teil Handwerk, was jeder Absolvent eines Konservatoriums oder einer Musikhochschule bestätigen kann.

Von Künstlern und Handwerkern

Schauen wir uns um. Künstlerische Fähigkeiten werden stets von Techniken, Methoden, Theorie flankiert. Der Maler erlernt beispielsweise Grundlagen der Wahrnehmung, Ästhetik oder auch diverse Drucktechniken. Der Bildhauer beschäftigt sich nicht nur mit dem eigentlichen künstlerischen Akt, nämlich der dreidimensionalen Gestaltung seiner Kunstwerke. Er benötigt auch fundierte Kenntnisse über Materialien und deren Beschaffenheit. Nur weil er als Kind ein Boot aus Baumrinde gebastelt hat, kann er noch lange keinen Marmor behauen. Egal, welche wundervollen Formen ihm beim Betrachten eines fein gemaserten Steinbrockens in den Sinn kommen. Und wer am Lagerfeuer beim gemeinsamen Musizieren von einer großen Karriere als Gitarrist träumt, wird recht bald feststellen, dass er es ohne Kenntnis von Kompositionslehre, Musikgeschichte, Stilistik und dem Beherrschen von Spieltechniken nicht über das Lagerfeuer hinaus bringen wird.

Und der Autor?

Intuition, Phantasie und?

Häufig begegnet uns die Frage von Schreibbegeisterten nach dem Sinn und Wert von Schreibratgebern und -schulen. Und häufig lesen wir die Antwort, Talent könne man nicht lernen, man solle „auf sich selbst“ hören, seiner Phantasie freien Lauf lassen, sich nicht durch irgendwelche Ratgeber beeinflussen lassen. Eine Geschichte entstehe „aus einem heraus“. Wie schade. Hier werden Birnen mit Äpfeln verglichen, Sachkenntnis mit Beeinflussung der Kreativität gleichgesetzt.

Natürlich liegt der Ursprung einer Geschichte in unserer Phantasie oder wurzelt in einem prägenden Erlebnis. Doch kann es nicht schaden, sich bei ihrer Ausformulierung verschiedener Methoden zu bedienen, die man im Deutschunterricht möglicherweise einmal kurz gestreift, aber garantiert nicht detailliert kennengelernt hat. Vielleicht wird keine dieser Methoden die absolut richtige für das geplante Vorhaben darstellen. Aber die Kenntnis und Wirkungsweise der unterschiedlichen Techniken und Herangehensweisen unterstützt den Schaffensprozess, lässt hinterfragen, erweitert den Horizont, bereichert das eigene Potenzial.
Beispielsweise im Zusammenhang mit der Frage, wie man einen Spannungsbogen aufbaut, Höhepunkte einstreut und Wege findet, die den Leser dazu bewegen, die Geschichte voller Erwartung bis zum Ende zu lesen. Mit der Goldmünzenstrategie vielleicht? Wer nun nicht gerade ein Literaturstudium absolvieren möchte, der kann auf eine Vielzahl von Schreibratgebern zurückgreifen. Und sich auf diese Weise mit Intuition, Phantasie und Sachverstand auf die spannende Reise von der Idee zur fertigen Geschichte begeben. Oder, um es mit den Worten von Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach (1830 – 1916) auszudrücken: Im Entwurf, da zeigt sich das Talent, in der Ausführung die Kunst.

Die Qual der Wahl

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Schreibratgeber gibt es viele. Welcher ist der Richtige?
Den einzig wahren Ratgeber für jeden Zweck und Geschmack gibt es sicherlich nicht. Es lohnt, genauer hinzuschauen und sich vor allem zu fragen, wozu er letztlich dienen soll.

  • Möchte ich mir einen ganz allgemeinen Überblick über Themen des Romanschreibens verschaffen?
  • Möchte ich einmal einem etablierten Schriftsteller quasi über die Schulter schauen?
  • Interessiere ich mich für das szenische Schreiben eines Drehbuchs?
  • Brauche ich Tipps zur Figurenentwicklung und zum Figurenensemble eines Theaterstücks?
  • Sind mir die besonderen Anforderungen an ein Kinder- oder Jugendbuch wichtig?
  • Will ich einen Einblick in die Welt des sogenannten „Kreativen Schreibens“ gewinnen?
  • Suche ich Anleitungen und Hinweise, wie ich mich an Verlage oder Agenten wende?
  • Geht es mir um Mechanismen des Dialog-Schreibens?
  • Welches sind die Aspekte von aktiven und passiven Formulierungen?
  • Beschäftige ich mich mit der Idee eines Sachbuchs und dessen Vermarktung?
  • Oder wünsche ich mir einen Prozessbegleiter von der Idee bis zur Fertigstellung?

Eine erstaunliche Vielfalt oder? Im nächsten Beitrag nehmen wir uns einige dieser Ratgeber etwas genauer vor. Jede Wette, wenn Sie sich ernsthaft fürs Schreiben interessieren, werden Sie in dem einen oder anderen demnächst unbedingt blättern wollen. Aha-Erlebnisse garantiert.

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