Mikrofiktion

Blau

Lieber Papa,

seit du nicht mehr da bist, hat sich vieles verändert. Erst hat Mama viel geweint, dann hat Mama viel geschimpft. Jonas hat dann auch ganz viel geweint, weil Mama immer sehr streng mit ihm war.

Wir wohnen jetzt in einer Wohnung im fünften Stock. Mama sagt, wir mussten umziehen, weil das Geld nicht reichte. Jetzt habe ich ein kleines Zimmer. Die Wohnung hat auch einen Balkon. Da dürfen wir aber nicht spielen, weil es zu gefährlich ist. Ich glaube, in unserem Garten spielen jetzt andere Kinder.

Das Monster von unter meinem Bett ist mit umgezogen. Weißt du noch? Das doppelt große mit der Brummstimme und dem blauen Zottelfell? Das was mich immer erschrecken wollte im Dunkeln? Einmal hab ich nachts doll geweint. Da hat es mich nicht erschreckt und mich gefragt, warum ich immer so traurig bin. Und dann habe ich ihm erzählt, dass du nicht mehr bei uns bist. Dann hat es mich feste gedrückt und mir versprochen, auf mich aufzupassen. Und auch auf Jonas. Damit du dir keine Sorgen machen musst.

Das Monster heißt übrigens Blau und wenn man es drückt, ist es weich und kuschelig. Manchmal besucht Blau mich nachmittags. Dann spielen wir Teeparty. Blau ist aber viel zu groß für den Stuhl. Deshalb sitzt es auf dem Boden. Abends schläft es bei mir im Bett.

Blau ist wirklich sehr stark und kann gut aufpassen. Das wollte ich dir nur eben sagen.

Du kannst jetzt ganz in Ruhe schlafen.

Deine Laura

 

© Oktober/2018 Sophie Brandt

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