Mikrofiktion

Lucy

Als ich wieder zu mir kam, dröhnte mein Schädel. Irgendwer hatte eine Ladung Sprengstoff hinter meiner Stirn gezündet. Meine Augen brannten, das rechte tränte ununterbrochen.

Die Zeiger der Uhr standen auf kurz vor fünf. Ob früh oder spät konnte ich nicht mit Gewissheit sagen. Auf den Blick durch das Fenster war kein Verlass. Im Spätherbst glichen die Morgen- und Abendstunden wie ein Ei dem Anderen. Mir war nicht einmal klar, welchen Tag wir hatten. Entweder Freitag oder Samstag. Andernfalls wäre ich tagelang weg gewesen. Sehr unwahrscheinlich.

Die letzten Reste des LSD’s bereiteten mir Flashbacks. Immer, wenn bei mir ein Trip nachließ, verwandelte sich mein Gehirn in eine mozzarellaähnliche Masse. Eine imaginäre Maus nagte sich durch mein Weichkäsegehirn, und fraß wichtige Teile meiner Großhirnrinde. Ein unangenehmes Gefühl.

Alles, woran ich mich erinnern konnte, war die Autofahrt, kurz bevor die Halluzinationen einsetzten. Der Typ, von dem ich das Zeug hatte, sprach von einer noch nie da gewesenen Wirkung. Aber das sagen sie alle. Welcher Dealer würde das Gegenteil behaupten?

Mein Blick wanderte durch den Raum. Wo war Lucy? Sie lag zusammengekauert in der Ecke, halb zugedeckt auf dem Fußboden. Vorsichtig versuchte ich, sie zu wecken. Sie regte sich nicht. Das dunkle Blau ihrer Venen schimmerte durch ihre blassfahle Haut. Speichel lief ihr das Kinn hinab und tropfte auf ihre makellosen Brüste. Ich legte meine Hand an ihren Hals und merkte erst jetzt, dass meine Finger voller Blut waren.

Reflexartig zog ich die Decke weg. In Lucy’s Bauch steckte ein Messer. Mein Messer!

 

© Oktober/2018 Sophie Brandt

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