Mikrofiktion

Bunkertür

Um kurz nach drei blieben die Uhren stehen. Gefolgt vom Ascheregen. Schmierige Flocken, von stinkenden Feuern gespeist. Dann wurde es dunkel. Tiefschwarz. Seit nunmehr drei oder vielleicht auch vier Tagen. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Fernsehen, Radio, Telefon. Alles ist tot.

Der Bunker gehört unserem Nachbarn. Ein netter Mann. Drinnen ist es einigermaßen sicher. Massive Stahltüren bieten Schutz vor der verbrannten Welt. Vorräte gibt es reichlich und genug Wasser zu trinken. Woher auch immer er wusste, was kommen würde, er wusste, was er tat.

Draußen wird es immer kälter. Ich mag gar nicht daran denken, wie es weitergehen soll. Ich nehme meine Schwester in den Arm. Sie zittert erbärmlich. Obwohl mir die Eiseskälte meine Glieder zerreißt, wärme ich sie, so gut ich nur kann.
Mama und Papa haben es nicht geschafft. Beide liegen bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, auf der Rückseite unseres Hauses.

Die Welt hat sich verändert und die Menschen darin gleich mit. Es ist wirklich erschreckend, wie in extremen Situationen, aus Freunden urplötzlich Feinde werden. Abraham Lincoln hat einmal gesagt: »Willst du den wahren Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht!«

Die Frage ist, wie würdest du in einer solchen Situation entscheiden. Würdest du die schwere Bunkertür, die dich vor der verbrannten Außenwelt beschützt, öffnen? Deinen Platz, deine Vorräte und dein Wasser teilen? Auch wenn du wüsstest, dass es dann unter Umständen nicht mehr reicht?
Siehst du, unser Nachbar auch nicht. Meine kleine Schwester und ich werden hier draußen in der Dunkelheit sterben.

 

© Juli/2018 Sophie Brandt

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