Kurzgeschichten

WER!

Sommer 1771. Totenstille legt sich über das Land.

Eine gespenstische Wand aus Nebel wandert in Richtung der westlichen Wälder. Eingerahmt vom Glühen der Dämmerung, wirken die Bäume, als stünden sie in Flammen.

Ich lehne mein Gewicht gegen die Tür. Unverwüstliche Mooreiche, handgefertigt von einem wahren Meister seiner Zunft. Widerstandsfähig gegen jegliche Art physischer Gewalt. Zwei Hand starke Bohlen, getragen von Beschlägen, dessen Scharniere so entsetzlich Quieken, wie lebendig gehäutete Schweine. Ein Riegel wäre zwecklos. Er würde nicht standhalten. Stattdessen führe ich eine massive Kette, im Wechsel rechts und links, durch zwölf schmiedeeiserne Ringe, die zu beiden Seiten in der Mauer verankert wurden. Dies ist der letzte Versuch, der unnatürlichen Bestie Einhalt zu gebieten.

Ich spähe durch einen Spalt im Holz. Alles, was mich auf der anderen Seite erwartet, schürt in mir unbändige Angst. Ein widerwärtiger Gestank dringt zu mir durch, steigt meine Nase empor und kitzelt meine Sinneszellen. Erinnerungen kehren zurück. Zusammenhanglose Rückblenden aus Raserei und Wut. Tief eingebrannt in die endlosen Weiten meines Unterbewusstseins.

Mit zittrigen Händen klinke ich das Vorhängeschloss in die Kette. Doch wo ist der Schlüssel? Meine Taschen sind leer. Im fahlen Licht einer Kerze, taste ich mich vorwärts. Zentimeter um Zentimeter. Der Boden ist feucht. Schmieriger Sand quetscht sich durch meine Finger.

Der Druck in meinem Kopf gleicht einem sich schließenden Schraubstock. Lichtblitze zucken durch mein Sichtfeld. Gedankenverloren reibe ich mir Sand in die Augen. Ein unangenehmes Gefühl.
Mir wird heiß. Kalter Schweiß rinnt mir von der Stirn. Ich verbrenne von innen und erfriere von außen. Jedes noch so kleine Haar meines Körpers richtet sich auf. Meine Wahrnehmung steigert sich ins Unermessliche. Ich rieche den Geschmack von Eisen. Süßlich und bitter zugleich, mit dem Unterton verrottenden Fleisches.

Jeder Wechsel ist eine Tortur. Höllische Pein, gefolgt von Verwirrung und Hilflosigkeit. Auf allen vieren kriechend verdreifacht sich meine Größe. Meine Knochen knacken, meine Gelenke bersten. Ich krümme mich vor Schmerz. Paralysiert vom Schein des Vollmondes, verwandelt sich der widerliche Geschmack in pure Ekstase. Mein Zähne fletschendes Maul giert nach Blut.

»Oh du himmlischer Saft des Lebens, du süß-salzige Versuchung! Du gleichst einer Droge, du raubst mir die Sinne!«

Meine Augen glühen, ich richte mich auf. Ein markerschütterndes Jaulen hallt durch die Nacht. Meine zu Klauen mutierten Hände umschließen die Kette.

Das Letzte, was meine schwindende Menschlichkeit wahrnimmt, ist das noch offene Vorhängeschloss.

© Juli/2018 Sophie Brandt

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