Mikrofiktion

Türkenblut

Ein sommerlicher Abend in meiner Stadt. Die Kugel des Fernsehturms funkelt im Schein der untergehenden Sonne. Ich wurde geboren in dieser Stadt, bin aufgewachsen in dieser Stadt, lebe in dieser Stadt; in einem Umfeld, geprägt von Achtung und Toleranz.

Obwohl ich meine türkischen Wurzeln zu keinem Zeitpunkt verleugnen würde, nenne ich das Land, in dem ich lebe, meine Heimat.

Mein Mund spricht Deutsch. Er diskutiert deutsch, er flucht deutsch, er lacht deutsch. Und doch spreche ich fließend die Sprache meiner Vorfahren. Mein Herz schlägt deutsch. Es träumt deutsch, es liebt deutsch, es hasst deutsch. Und doch pumpt es unablässig türkisches Blut durch meine Adern. Denke ich an die Türkei, so sehe ich einen weit entfernten Ort. Fremdartig, ungewohnt, nicht viel mehr als ein schöner Sommerurlaub.

Die Luft wird kühler. Ich spüre einen Schlag auf meinen Kopf, gefolgt von wuchtigen Tritten gegen meinen Körper. Ich sinke zu Boden. Es fällt mir schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Meine Brust schmerzt, mein Hals wie zugeschnürt. Mein Türkenblut rinnt den Bordstein hinab in die Gosse. Eingerahmt vom Beifall, klatschender Silhouetten. Schemenhafte Gestalten in einer Pfütze aus Blut, Schweiß und Tränen. Ihre kahl rasierten Köpfe spotten. Ihre schweren Stiefel stampfen dazu im Takt.

Was auch immer ich jetzt noch sagen würde, es würde nichts ändern. Es hätte kein Gewicht mehr. Und doch, bei all eurem Hohn, all eurer Brutalität, all eurer mir entgegengebrachten Verachtung, ist eines gewiss:

»Mein Name ist Cahit und ich bin deutscher, als ihr Nazis es je sein werdet!«

 

© Juli/2018 Sophie Brandt

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