Kurzgeschichten

Zuckerwatte

Aufgeregt stürmte das Mädchen in Richtung des kleinen Süßwarenladens. Ihre blonden Korkenzieherlocken hüpften rhythmisch im Takt ihrer winzigen Schritte. Im Schlepptau eine betagte, vom Stil her an die junge Audrey Hepburn erinnernde Dame, mit farblich abgestimmtem Kostüm und Hut. Auf Hochglanz poliert, leuchtete die von zwei überdimensionalen Zuckerstangen eingerahmte, historische Zuckerwattemaschine, mit der silbernen Brosche an ihrem Revers um die Wette.

Das Mädchen strahlte und schickte damit das freundliche Lächeln der Verkäuferin ohne Umwege zu ihr zurück. Ihre Begleitung hingegen verzog nicht den Hauch einer Miene. Ohne jegliche Emotion in der Stimme, deutete sie auf die handgezeichnete Preistafel.
»Eine Portion Zuckerwatte bitte!«
»Aber selbstverständlich!«, erwiderte die Verkäuferin und griff sich einen der kleinen Holzstäbe.
»Aber groß Oma, hörst du?« Selbstbestimmt verlieh ihre Enkelin ihrer Forderung durch kräftiges zupfen am großelterlichen Ärmel zusätzliches Gewicht. Mit Erfolg.
»Gut, dann einmal eine große Portion bitte!«

Es surrte, knarzte und quietschte. Der Motor setzte die kleine, in der Mitte der kupfernen Schüssel befindliche Scheibe, in Rotation. Nach und nach spuckte diese einen Wirbelsturm haarfeiner Zuckerfädchen in sämtliche Himmelsrichtungen. Anlass genug für den Lockenkopf, ohne weiteres Nachdenken, den Rand der Maschine zu greifen, auf die Zehenspitzen ihrer Oma zu stapfen und sich in die Länge zu strecken. Diese verzog für den Bruchteil einer Sekunde ihr Gesicht, ließ sich ihrer Enkelin gegenüber jedoch nichts anmerken.
Gekonnt schwang die Verkäuferin den Stab im Kreis. Die zuckersüßen Fädchen griffen nach ihm und tanzten mit ihm um die Wette.
Ja nichts verpassen, schien die größte Sorge des Mädchens zu sein. Ihr Mund, vor Erstaunen weit aufgerissen, fixierten ihre stahlblauen Augen jede noch so kleine Bewegung.
Der süße Wirbelsturm wuchs mit jeder Umdrehung zu einem im Sonnenlicht glitzernden Minitornado heran, bis von dem Stab nicht viel mehr als zwei Finger breit übrig war.
Die Verkäuferin kniete sich hin und überreichte ihn an ihre kleine Kundin, die den Wunsch ihrer Begierde keine Sekunde aus den Augen verlor. Sie konnte deutlich spüren, wie ihr das Wasser im Munde zusammenlief.

»Das macht ganz genau einen Euro junge Dame!«
Hastig kramte sie in ihrer geblümten Geldbörse, streckte der Verkäuferin ein zwei Euro Stück entgegen und schnappte sich die rosafarbene Zuckerwolke, in der sie, ohne zu zögern, ihre Nase bis zum Anschlag vergrub.

»Behalten sie den Rest«, forderte ihre Großmutter die Verkäuferin auf. Doch diese winkte ab.
»Bei uns wird nicht an Nichts verdient«, sang sie leise vor sich hin, ließ dabei einen weiteren Holzstab durch ihre geschickten Finger kreisen und wiederholte die Prozedur.
Der strenge Gesichtsausdruck der Dame verflüchtigte sich zunehmend und ließ für einen kaum merkbaren Moment ihren linken Mundwinkel nach oben zucken. Ganz so, als wolle das Kind in ihr ausbrechen und gegen ihre extensiv gepflegte Ernsthaftigkeit ankämpfen. Bestellt hätte sie sich die süße Versuchung sicher nie. Zumindest nicht von allein.

Sie bedankte sich höflich und schlenderte mit ihrer Enkelin an der Hand, die Straße hinunter. Ein kurzer Blick nach links, ein vorsichtiger Blick nach rechts und schon verschwand auch sie mit ihrer Nase in der Zuckerwolke. Unmittelbar bevor sie in die nächste Seitenstraße abbogen, blickten sich die Beiden um und winkten der Verkäuferin lächelnd zu.

Das waren sie, diese Momente, die sie so besonders liebte. Momente in denen sie die kleinsten der Kleinen verzauberte und die Großen für einen Augenblick auf eine Reise schickte. Eine Reise zu sich selbst, zu längst vergangenen Erinnerungen aus einer früheren Zeit, die versteckt, aber noch lange nicht vergessen, irgendwo ganz tief im Unterbewussten auf einen Funken warteten.

 

© Juli/2018 Sophie Brandt

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