Kurzgeschichten

Schnitt

Behutsam fasste ihre Hand den Rand des Tellers. Eine gewisse Vorsicht war durchaus angebracht. Viele liebenswerte Erinnerungen verband sie mit dem hübsch dekorierten Geschirr. Doch nicht allein deshalb ging sie so sorgsam damit um.
Ihre Hände taten leider nicht mehr genau das, was sie sollten. Tiefblau schimmerten die Schatten ihrer Venen durch die papierdünne Haut. Wie kleine Gebirgsketten zogen sie sich ihren Handrücken entlang und verloren sich unmittelbar vor ihren geschwollenen Fingerknöcheln.
Der Arzt aus dem nahegelegenen Ort hatte ihr dicke, gelbe Tabletten verordnet. Helfen taten sie kaum und auch das Schlucken fiel ihr nicht gerade leicht. Eine großartige Besserung ihrer Beschwerden war ohnehin nicht mehr zu erwarten. Das hatte er ihr so mitgeteilt. Kurz und knapp. Wohl oder übel würde sie damit leben müssen.

Sie legte das Geschirr in die Spüle, öffnete den Wasserhahn und griff ganz automatisch nach der hellblau gestreiften Spülbürste. Während das Wasser einlief, glitt ihr Blick gedankenverloren durch das Fenster in den Garten.
Der knorrige Apfelbaum hinter dem Haus trug in diesem Jahr besonders viele Früchte. Pflücken konnte sie die Äpfel schon seit Jahren nicht mehr selbst. Dafür fehlte ihr mittlerweile die Kraft. Ihre Nachbarn wussten, dass sie sich dort ungefragt bedienen durften. Um ihre Erlaubnis baten sie trotzdem, jedes einzelne Mal. Selbst die Kleinsten unter ihnen klopften jeden Frühsommer bei ihr an, mit großen Augen bittend, sich an den verwilderten Erdbeeren aus ihrem ehemaligen Gemüsegarten bedienen zu dürfen. Nein sagte sie nie.
Obwohl ihr durch eine Infektion in frühester Kindheit, zeitlebens der Wunsch nach eigenen Kindern verwehrt blieb, liebte sie Kinder sehr und erfreute sich immer wieder an ihrem Lachen und Kreischen. Unzählige hatte sie im Laufe der Jahre aufwachsen sehen. Generation um Generation junger Menschen, die mittlerweile selbst erwachsene Kinder hatten.

Die Jahreszeiten rasten an ihr vorbei. Sommer wie Winter. Gleich würde es dunkel werden. Der Herbst hatte in diesem Jahr raschen Einzug gehalten. Schemenhaft spiegelte sich ihr Gesicht in der Fensterscheibe. Die Spuren waren nicht zu verleugnen. Jedes Grübchen, jede Falte, jede noch so kleine Unebenheit erzählte eine Episode eines ereignisreichen Lebens. Doch war es gar nicht so sehr das äußerliche Erscheinungsbild, das sie plagte, sondern vielmehr das innere Gefühl, immer noch Jung zu sein.
Ab und an, wenn sie abends zu Bett ging und ihre Gelenke von den Anstrengungen des Tages besonders schmerzten, wünschte sie sich die alte Zeit zurück. Eine Zeit, in der sie jung und hübsch war, ihr ganzes Leben noch vor sich hatte und tagtäglich von einer Unmenge an Wünschen und Träumen besucht wurde. Sie träumte von ihrer Schulzeit, in der man auf Schiefertafeln schrieb, von ihren Eltern, die bereits lange verstorben waren, und von ihrem ersten Kuss, den sie von ihrem lieben Alfred oben am Deich bekam. Heimlich aber dennoch ganz brav. So wie sich das für ein junges Mädchen in dieser Zeit gehörte.
Es klirrte; der Teller entzweit. Ein stechender Schmerz pochte in ihrem Daumen. Dickflüssige Blutstropfen mischten sich unter das lauwarme Spülwasser und färbten den Schaum rosa.
»Alfred, ich bräuchte einmal ein …«
Sie hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, als ihr bewusst wurde, dass sie von ihrem Mann keine Antwort mehr erhalten würde. Der Verlust hatte sie damals so hart getroffen. Niemals hatte sie damit gerechnet, dass sie so viel länger leben würde als er. Zeitweise zweifelte sie an der Entscheidungskraft ihres Herrgotts. Was hatte er sich dabei gedacht? Sollte das eine Art Prüfung sein? Wozu musste sie weitermachen, wenn doch das Einzige, das ihrem Leben je einen Sinn verliehen hatte, ihr schon so lange nicht mehr zur Seite stand. Wenn er doch nur dieses Gefühl der Hilflosigkeit von ihr nehmen würde.
Der Volksmund sagt, die Zeit heile sämtliche Wunden. Doch wie viel Zeit muss dafür verstreichen? Ein Monat, ein Jahr? Oder vielleicht sogar ein ganzes Leben?

Monatelang hatte sie nach Alfreds Tod am Fenster gesessen und sich gefragt, wie es sich anfühle tot zu sein. Gab es tatsächlich einen Himmel? Oder gab es gar kein Gefühl? War man vielleicht einfach nur weg?
Vor ihrem Fenster begann es zu stürmen. Sie setzte sich an den Esstisch und schnitt sich ein Pflaster für ihren Daumen zurecht. Als sie es aufklebte, drang ein Tropfen Blut zu dessen Außenseite durch.
Der Wind wurde stärker und wiegte die Kronen der dicken Eichen. Die Äste knackten, die Blätter rauschten wie die Brandung der See. Für einen kurzen Moment war ihr, als höre sie ein Flüstern. Ganz leise. Als würden die Bäume zu ihr sprechen. Sie war sich ganz sicher, dass sie es sich nur einbildete, doch es klang so real. Wie die sanften Worte ihres Mannes, der ihr aus weiter Ferne süße Träume wünschte. Sie blickte nach draußen. Im selben Moment verstummte der Sturm.

»Was für eine himmlische Ruhe«, dachte sie und schloss ihre Augen, nachdem ein letzter Atemzug ihre Lungen durchströmte.

 

© Juli/2018 Sophie Brandt

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